Neues von russischen Schmalspurbahnen

Nach zwei Wochen Rußland wieder in die BRD zurückzukehren, kommt mir vor wie aus dem normalen Leben in’s Irrenhaus zu geraten. Aber derartige Überlegungen werde ich demnächst hier in diesem Kanal in einer neuen Rubrik “altdenk” niederschreiben. Daher an dieser Stelle lieber zum Thema Schmalspurbahnen. Über eine russische Schmalspurbahn hatte ich bereits hier berichtet. In der Sowjetunion gab es sehr viele Schmalspurbahnen, meist in 750mm Spurweite, die in der überwiegenden Mehrzahl der Forst- und der Torfwirtschaft dienten. Eine überraschend große Zahl dieser Bahnen ist in Rußland nach wie vor in Betrieb; auf manchen findet auch Personenverkehr statt, oft nur für Betriebsangehörige, manchmal jedoch auch für die Öffentlichkeit. Eine Aufstellung aller bekannten Schmalspurbahnen auf dem Gebiet der Sowjetunion gibt es unter ЭМБ – allerdings nur in russischer Sprache.

Dazu muß ich betonen, daß die geringen Restbestände an Schmalspurbahnen in der BRD für mich nicht besonders interessant sind, weil sie alle mehr oder weniger den Charakter von Museums- und Touristenbahnen haben. Ganz im Gegensatz dazu stehen diese russischen Bahnen mit ihrer unbestreitbaren Authentizität. Sie sind reine Arbeitsmittel ohne jedwedes Sentiment, man sieht ihnen den harten Einsatz auch deutlich an, hier ist das alles noch so, wie ich mir das in der BRD vielleicht zuletzt in den 60er Jahren vorstelle und in der DDR noch in den 80ern erlebt habe.

Zur Orientierung: links Lage der Kirovskaja Oblast in Zentralrußland etwa 900km östlich von Moskau, rechts Kirovskaja Oblast mit Kirov in der Mitte

Wir befinden uns also in Kirov, auf halbem Wege der Transsib zwischen Moskau und dem Ural. Unser erster Ausflug führte uns bei minus 20 Grad von Kirov aus mit der электричка (električka) nach Марадыковский (Maradykovskij). Diese električki sind Elektrotriebzüge und bestreiten den gesamten “Nahverkehr”, wie wir das nennen würden, im riesigen Rußland. Dabei kann sich dieser “Nahverkehr” durchaus über mehrere hundert Kilometer erstrecken.

Eine električka mit klassischer Front – ЭР9пк278 in Maradykovskij auf der Fahrt von Котельнич nach Киров

In Maradykovskij ist eine Torfbahn in Betrieb. Laut sollte hier ein planmäßiger Personenverkehr stattfinden. Nicht jedoch war es so an jenem 06.01.2010, denn der 06.01. ist in Rußland ein Feiertag. Aber auch an anderen Tagen wäre eine Mitfahrt – wenn ich alles richtig verstanden habe – nicht möglich gewesen, denn der Personenverkehr diene ausschließlich dem Transport der Torfarbeiter. Alles andere ergäbe ohnehin wenig Sinn, denn die Bahn fährt von Maradykovskij aus “in den Sumpf” zum Torffeld und nirgendwohin sonst.

Lageplan der Torfbahn in Maradykovskij

Auch eine Tributzahlung in Form einer Flasche Wodka bewirkte leider nichts. Dennoch lohnte der Besuch sehr, da mir drei sehr interessante Fahrzeuge vor die Kameralinse fuhren. Zuerst rasselte mit unverkennbarem Fahrgeräusch eine ЭСУ, ein äußerst skurriles Gefährt, heran. ЭСУ steht für Электростанция узкоколейная, wörtlich “schmalspuriges Kraftwerk”. Eine solche Fahrzeuggattung ist in Europa meines Wissens unbekannt.

ЭСУ-434, der selbstfahrende Stromerzeuger

Nochmal als Nachschuß, dies ist eigentlich die Vorderseite

Kurz darauf kam ebenfalls aus der Richtung des Torffeldes ТУ4-2273 herangedieselt und verschwand in Richtung des nahegelegenen Depots.

ТУ4-2273 als Lz

In Maradykovskij befindet sich ein respektables Stationsgebäude, genannt “Павилён” oder “Центральный посёлок”, das den Bedürfnissen des wenn auch nichtöffentlichen Personenverkehrs Rechnung trägt. Die Dame im Pelzmantel ist meine unerschrockene Gattin, die mich auf den Ausflügen begleitete.

Das EG der Schmalspurbahn in Maradykovskij mit Elena

Der in Центральный посёлок am Bahnsteig abgestellte Reisezugwagen typischer Bauart, dahinter ein Torfzug

Kurz darauf traute ich meinen Augen kaum: Aus der Richtung des Depots schlich sich eine Draisine heran, deren Bauweise ich zwar aus der Literatur im Prinzip schon kannte, aber von der ich nicht damit gerechnet hatte, eine solche jemals noch im Betriebseinsatz zu Gesicht zu bekommen. Leider ist mir wie auch bei der ЭСУ nicht ganz klar, um welche Baureihe es sich dabei konkret handelt. Jedenfalls hatte dieses Fahrzeug an jenem Tage offensichtlich die Aufgabe, Weichen zu enteisen, tat dies im Bereich des Betriebsmittelpunktes in Maradykovskij und entschwand dann in Richtung Torffeld.

Draisine 405 rollt beinahe unbemerkt heran

In voller Schönheit

Zum Abschluß brummte abermals ТУ4-2273 aus dem Depot in Richtung Torf heran, diesmal mit Torfraupe auf Flachwagen mit Auffahrtsrampen.

ТУ4-2273 bringt ein Arbeitsgerät in das Torffeld

Nach dieser Fotoausbeute beschlossen wir die Rückkehr nach Kirov.

Der nächste Ausflug fand dann zu der bereits von mir früher beschriebenen Bahn von Kirovo-Čepeck nach Каринторф (Karintorf) statt. Was für ein Glück, wenn man starke russische Frauen um einen hat – die helfen einem weiter, Freunde! Bei mir war es hier so: Die geplante Fahrt mit der Bahn von Novyj nach Techničeskaja fiel aus, da der entsprechende Zug im Winterfahrplan nicht verkehrte. Da war guter Rat teuer, allerdings fuhr zwei Stunden später ein Zug in der Gegenrichtung. Also, was tat unsere verehrte Freundin Oksana? Fand heraus, daß man im Winter von Čepeck nach Karintorf auch über’s Eis der bis zum Grund zugefrorenen Čepca mit dem Auto gelangen kann. So geschah es auch, und so gelangten wir zum Betriebsmittelpunkt dieser Bahn. Doch Karintorf heißt dieser Ort nur auf dem einzigen Straßenwegweiser in Čepeck, die Station der Bahn heißt Techničeskaja und ist Betriebsmittelpunkt mit Bw.

Dort angekommen kam im Umfeld des Bw der Bahn als erstes dieser hübsche Schneepflug, der im Winter 2009/2010 sicher nicht gerade wenig zu tun hatte, vor die Kamera:

Vielbeschäftigter Schneepflug in Karintorf / Techničeskaja

Auch vierachsige gedeckte Güterwagen standen herum, was in Europa vermutlich schon lange nicht mehr vorgekommen ist:

Gedeckte vierachsige Güterwagen, eine echte Seltenheit …

Das Empfangsgebäude mit den fast bis zum Boden reichenden Eiszapfen läßt erkennen, wie kalt es hier ist.

Das Empfangsgebäude in Techničeskaja in sichtlich klirrender Kälte

Der Zug nach Novyj stand bereit, war auch mollig warm beheizt. Brennstoffmangel herrschte sichtlich keiner.

Birkenholz für die Beheizung der Wagen ist im Überfluß vorhanden

Plötzlich nahm das erregte Ohr des Eisenbahnfreundes ein charakteristisches Dieseln wahr. Schon schlich aus dem Depot ТУ4-2723, die die klirrende Kälte offensichtlich in Betriebspausen stets im Schuppen verbringen darf, heran.

ТУ4-2723 beim Rangieren, im Hintergrund das Depot

Was genau der Zweck des Hin- und Herfahrens auf dem weitläufigen Gelände des Bahnhofs gewesen sein mag, entzieht sich meiner Kenntnis. Natürlich war es wie stets bei diesen Bahnen ein absolut außergewöhnlicher Genuß, diese kleine 750mm-Lok beim Herumfahren sehen, hören und riechen zu können.

Nochmal ТУ4-2723, dahinter der bereitgestellte Zug nach Novyj

Automatische Mittelpufferkupplung ganz wie bei der Breitspur

Langsam wurde es Zeit für die Abfahrt des Zuges nach Novyj. Beizeiten kam aus dem Depot ТУ7-3042 herangebrummt und setzte sich vor den Zug.

ТУ7-3042 dieselt heran …

… und setzt sich an den Zug nach Novyj

Kurz vor dessen Abfahrt kam noch ein Torfzug mit ТУ7-1358 heran

Auch eine ЭСУ rasselte vorbei, leider habe ich von der keine Aufnahme.

Angekommen in Novyj setzt die Lok unverzüglich um und bringt den Zug zurück nach Techničeskaja

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